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Autobahn

  • a.b.
  • 10. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Ich sitze am Steuer, in meiner ganz persönlichen Hölle. Schwarze Armaturen aus billigstem Plastik, blaue Digitaluhr, flimmernd wie die Luft. Die Hitze ist erstickend und meine Haut kann unter dem klebrigen Film aus Sonnencreme und Schweiß kaum atmen. Echt Scheiße, wenn man keine Klimaanlage im Auto hat, denke ich.


Es ist ein Gedanke, der sich jetzt, wo er für meine Realität unmittelbar relevant geworden ist, wie eine Zecke in meinem Gehirn festsaugt. Obwohl er meistens tief in meinem Unterbewusstsein schlummert, am Urgrund eines Meeres aus Alltagsbanalitäten und kreativem Chaos mit Wellen aus den kleinen, weltbewegenden Dingen. Aber, weil es so heiß ist, ist das Wasser verdampft und in der sandigen Leere meines Kopfs bleibt nur – „Klimaanlage“. Ein Gedanke wie ein metallener Fremdkörper. Wie ein übergroßer Theaterscheinwerfer beleuchtet die Sonne dieses lächerlich karge Bühnenbild – ich höre ihr Lachen fast – und es trieft vor Ironie. Ironie weil es ein wunderschöner, filmreifer Sommertag ist, der für mich eher Hölle, oder Wüste, oder eine infernale Kombination aus beidem ist. Nicht nur wegen der stetig steigenden Temperaturen, sondern vor allem, weil ich auf der Autobahn fahren muss. Roter Audi, Mercedes im Rückspiegel, grünes Auto, weißer BMW, Porsche auf der Überholspur – Angeber. Ich hasse Autobahnen, ich bilde mir ein, wegen ihrer Trostlosigkeit, graue, ewige Asphaltschlangen, bis zum Horizont und weiter bis ins Unendliche, vielleicht. Straßenschild, Ausfahrt, trockener Wald, dürres Gras. Tacho auf 130. Ich glaube, es liegt eigentlich an den hohen Geschwindigkeiten, Geschwindigkeiten die meinem alten, klapprigen Hyundai ziemlich zusetzen. Ich habe gerne Kontrolle und nicht das Gefühl, das alles im nächsten Moment auseinanderbricht. Aber was soll ich erwarten. Schließlich ist sogar mein Leben wie diese eine Autofahrt.


Mein Leben ist wie Autobahnfahren im Sommer ohne Klimaanlage und mit geschlossenen Fenstern, mit drei schreienden Kindern auf der Rücksitzbank, richtig beschissenem Schlager auf voller Lautstärke, und diversen Insekten überall. Vorbei an anderen Menschen, an Namen, Gesprächen, an Erlebnissen und Begegnungen. Erinnerungen im Rückspiegel, Gefühle im Kofferraum. Überall Neues, Ziele, Abzweigungen, und doch den altbekannten Asphalt bis zum Horizont und weiter bis in die Unendlichkeit, vielleicht. Mit Tacho auf 130 fahre ich gerade und ohne zu zögern, beschleunige – 140, 150, …, 180 – ich hasse hohe Geschwindigkeiten, habe Angst vor dem, was hinter dem Horizont, dort auf der anderen Seite liegt, fürchte mich vor der Zukunft. Und doch zieht mich irgendwas zu sich, wie ein zäher Kaugummi mit quälender Gnadenlosigkeit… Manchmal würde ich gern anhalten, aber das zumindest ist nicht möglich. Denn das Leben hat keine Bremse, nur ein Gaspedal. Und ich habe Ziele, dort am Horizont und sie lachen mich aus mit Stimmen, die vor sonnenheller Ironie triefen. Weil sie doch so schimmernd leuchten und alles in Gold tauchen. Wie eine Mücke ins Licht fahre ich immer weiter, dem überirdischen Leuchten nach, weil ich nicht aufhören kann zu träumen, selbst wenn meinem klapprigen Leben hohe Geschwindigkeiten zusetzen. Ich hätte gerne Kontrolle, weil ich nicht will, dass alles im nächsten Moment auseinanderbricht. Ich gegen ich, Ich gegen Zeit, Träume gegen Ruhe, und Ehrgeiz, aber keine Luft mehr. Ich ersticke in Lärm und Hitze, meine Worte wie heiße Luft, Wahrheit und Identität hinter mir, irgendwo hinter mir. Entweder seh ich sie nur noch im Rückspiegel, zerbrochen dort auf schwelendem Asphalt, oder sie hängen noch an der Stoßstange, mit letzter Kraft. Dennoch – Geschwindigkeit wie ein Rausch und ich kann nicht aufhören, niemals aufhören, nicht bis… bis ins Unendliche vielleicht. Die Hoffnung die mir, wie eine letzte Erinnerung an die kühleren, langsameren Tage des Frühlings bleibt, ist, dass es einmal Winter wird, dort am Horizont, Winter mit Schnee, einer glimmenden Sonne, die mir nicht das Gesicht das Gesicht verbrennt, schweigenden Kindern, und keiner Musik. Ich sehne mich nach Abkühlung, Stille und dem was von mir bleibt, wenn ich hinter der Sommersonne stehe. Wer bin ich? Und was ist mein Leben, dieses verdammte Leben? In den Schwaden und Schlieren meiner Gedanken findet sich keine Antwort, meine Worte rinnen mir wie Wüstensand durch die Finger. Das unerträgliche Rieseln des glühenden Sandes wie eine Sanduhr, es ist die nie endende Kontinuität der Zeit. Nur unterbrochen von… Wind. Nein, eher einem leisen Hauch, nur der Ahnung von einem Luftzug vielmehr. Ich bemerke, dass mein Fenster offen steht, nur einen Spalt weit. Und doch trägt mir der Wind Gerüche und Geräusche der Gegenwart entgegen. Und ich – ich halte inne. Ich weiß nicht warum und auch nicht, wie ich das schaffen soll, aber ich bin mir auf einmal sicher, was ich tun muss. Als hätte der Wind mir etwas ins Ohr geflüstert. Und während es draußen zu regnen beginnt, wird die Wüste in meinem Kopf langsam wieder zu einem Meer aus Alltagsbanalitäten, kreativem Chaos mit Wellen aus den kleinen, weltbewegenden Dingen. Und ganz oben treibt – wie eine Flaschenpost meiner eigenen Gedanken an mich – eine Erkenntnis.


Weil selbst, wenn das Leben keine Bremse hat, kann ich nach Abzweigungen suchen, Landstraßen fahren oder auf der Fahrt Umwege nehmen, um die Menschen, Gespräche und Erlebnisse einen Augenblick länger festzuhalten. Ich weiß nicht, ob alles gut wird, aber was ich weiß, ist, dass ich selbst entscheiden kann, über mein Leben auf dieser Autobahn und all den anderen Asphaltschlangen, die zum Horizont führen und weiter bis in die Unendlichkeit, vielleicht. Denn ich sitze am Steuer, auch in meiner ganz persönlichen Hölle.

Rebecca Klein, Q13

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